Das kleine Vögelchen Piep

1. korrigierte print Ausgabe Deutsch ist nun erhältlich:
10 Seiten DIN A5 mit transparentem Cover und Rücken, gesetzt in LATEX.
ISBN : 978-3-9823248-0-7

Das kleine Vögelchen Piep

Es ist der Beginn einer Geschichte, wie sie der Beginn einer jeden Geschichte ist. Sie führt den Leser in das Geschehen, in die Geschichte ein. In diesem Fall führt sie uns in einen goldenen Käfig. Wobei der Käfig eigentlich kein Käfig ist. Nur ein Gefängnis. Aber ein Gefängnis ohne Türen. Also wohl doch kein Gefängnis, oder? Auf jeden Fall ist er goldig.

Und in diesem goldenen Käfig sitzt das kleine Vögelchen Piep. Es ist ein ganz gewöhnliches Vögelchen. Die einen finden es etwas hübscher, die anderen etwas hässlicher, wieder andere eher niedlich. Man geht vorbei mit oder ohne es zur Kenntnis zu nehmen. Nur wer ganz genau hinschaut, stehen bleibt und einen etwas längeren Blick riskiert, dem fällt etwas auf. Etwas, das so ganz und gar nicht gewöhnlich ist. Der goldene Käfig hat keine Türen und keine Kläppchen. Nichts der gleichen, aber auch absolut gar nicht. Das Vögelchen hingegen ist ein ganz gewöhnliches Vögelchen. Die einen finden es etwas hübscher, die anderen etwas hässlicher, wieder andere eher niedlich. Und die, die stehen bleiben, um es etwas genauer zu betrachten, also das, was so ganz und gar nicht gewöhnlich ist, sind nach ihren Betrachtungen immer ganz verduzt, nahezu verdaddert, verblüfft. Man wundert sich noch, wagt noch einen nachschauenden und vergewissernden Blick zurück, während man wie gewohnt seinen Gewohnheiten weiter nachgeht. Das Vögelchen hingegen sitzt in seinem goldenen Käfig, wobei der Käfig eigentlich kein Käfig ist, eher ein Gefängnis ohne Türen und ohne Kläppchen, so rein gar nichts davon und schaut nach draussen in die Welt. Es dreht das Köpfchen, mal in die eine Richtung, mal in die andere Richtung, mal etwas nach oben, mal etwas nach unten. So, wie Vögelchen es für gewöhnlich ihrer Gewohnheit nach tun. Nichts anderes. Gut, vielleicht hüpft es auch mal hin und her, von Stange zu Stange, wendet sich, plustert sich, was Vögelchen eben so gewöhnlicher Weise so tun in goldenen Käfigen. In anderen Käfigen übrigens auch. Schließlich ist es in den Häusern der Einen, aber auch der Anderen und bei Man und Sie sowieso. Und bei all den Übrigen nicht anders, sondern vergleichbar wie genau so.

Doch wenden wir uns noch einmal dem Anfang der Geschichte zu. Dem goldenen Käfig ohne Türen und ohne Kläppchen, oder ohne irgend etwas anderes vergleichbares. Mittendrin das kleine Vögelchen Piep.

Ohne Türen und ohne Kläppchen, oder ohne irgend etwas anderes vergleichbares kann es doch gar nicht gefüttert werden, es sei denn, man würfe das Futter einfach so durch die goldenen Gitterstäbe. Und das Wasser würde einfach im Napf von aussen an die goldnen Gitterstäbe gehangen. Das kleine Schnäbelchen müsste halt durch die goldnen Gitter hindurch Wasser schnäbeln. All das würde ja gehen. Aber sauber machen ginge nicht. Kein Zugriff nach innen, kein Entkommen nach aussen.

So geht es aber nicht. Ganz und gar nicht.

Der goldene Käfig hat keine Türen und auch keine Kläppchen, oder ohne irgend etwas anderes vergleichbares, weil an diesen Stellen nichts dergleichen existiert. Der goldene Käfig ist an diesen Stellen einfach offen. Ganz so, als wenn der Konstrukteur oder Erbauer des goldenen Käfigs vergessen hätte, eben genau so etwas einzubauen. Punkt.

Und es war einmal eine Zeit, da wunderte sich auch das Vögelchen darüber. Draussen, also auf der anderen Seite des goldenen Käfigs, da flatterten andere Vögelchen umher. Und sie zwitscherten. Mein Goldkehlchen, zwitscherten Die. Und das Vögelchen schaute sich das nun fast sein halbes Leben lang an. So genau weiss man das ja nie, was sein halbes Leben so ist, weil man ja noch nicht weiss, wann das Ende ist. Somit ist das halbe Leben ja immer ein Korrelat zum derzeitigen Alter. Aber verglichen mit den Anderen konnte Vögelchen Piep schon von einen halben Leben ausgehen. Wir übrigens auch. Und eines Tages überkam es das Vögelchen. Denn es erinnerte sich an den Beginn des Lebens. Seines Lebens. Und da saß es noch nicht im goldenen Käfig, oder doch? Denn es konnte sich schon erinnern, aber es wusste auch, das nicht alles an Erinnerungen schön war was schön glich. Aber jetzt ist ja heute, also Gerade. Hoffentlich nicht Ungerade. Und so überkam es das Vögelchen Piep und es hüpfte aus dem Käfig. Ein sehr bekanntes Gefühl, Ungerade obwohl es ja Gerade ist. Ha, draußen, geschafft, Gerade ist just wie damals, also Ungerade, jedenfalls fühlt es sich irgendwie so an. Haaaa. Wie schön Gerade ist. So wundervoll, so unbeschreiblich, so frei, so unbeschwert, so unendlich schön, als gäbe es kein Anderes.

Und dann holte es tief Luft und piepte. Es kam dem Vögelchen Piep so bekannt vor, so wundervoll, so unbeschreiblich, so frei, so unbeschwert, so unendlich schön, als gäbe es kein Anderes. So wie Ungerade, obwohl es so Gerade war. So wunderschön unbeschreiblich unbeschwert unendlich Gerade. Das sollte nie wieder enden.

Doch wie aus dem Nichts bekam es einen Schlag, der ES platt an den Boden drückte. Alles in Ihm völlig platt. Mit einem lauten Platsch, fast ein Knall, ein Getöse. Ein Schmerz, nein viele Schmerzen. Unbeschreiblich beschwerte unendliche, fast Ungerade Schmerzen, obwohl es Gerade ist. Das Leben wich aus dem kleinen Vögelchen Piep, jetzt Gerade, kürzer als ein Piep, kürzer als ein Atemzug. Aber das Leben verfing sich im Gefieder, was ein Glück. Und als Das, was es so Nierschlug, fast wie im gleichen Moment wieder abhob, zog es das Körperchen wieder etwas mit nach oben, was dafür sorgte, das das kleine Vögelchen wieder etwas Volumen aufbaute. Der dabei entstehende Unterdruck zog sein Leben, welches sich ja glücklicherweise in seinem Gefieder verfangen hatte, wieder in das kleine Vögelchen Piep zurück. Was für ein Glück, jetzt Gerade.

Dann schob sich eine so zärtliche Hand unter die leblichen Überreste von Piep. Ganz sanft, mit jeder Sorgfalt, die Man sich vorstellen kann. Nichts durfte dabei dem kleinen Vögelchen Piep geschehen. Kein Flaum durft gebogen werden. Und so, auf einer Hand wie auf einer Wolke, nur noch behutsamer, wurde es wieder in den goldenen Käfig …… ja was denn? Entlassen, abgelegt, sanft entschwebt?. Dem kleinen Vögelchen Piep fehlten die piepe. Mir die Worte. Den Anderen die Fassung.

Das kleine Vögelchen Piep erlebte das nicht mehr als zu oft. Das schafft keiner. Darauf hat kein kleines Vögelchen Lust. Ganz egal ob es piept oder nicht. Sonst piept es ja wohl, oder?

Und somit beginnt alles wieder wie am Beginn der Geschichte. Denn? Es ist der Beginn einer Geschichte,………

Dr. Thorsten Menke, 24.04.2018, piept