Das Blau der Frau

1. korrigierte print Ausgabe Deutsch ist nun erhältlich:
11 Seiten DIN A5 mit transparentem Cover und Rücken, gesetzt in LATEX.
ISBN : 978-3-9823248-1-4

 

Das Blau der Frau

Überall geschäftiges Treiben. Aussen wie innen. Innen mehr als außen. Ein steter Wechsel von aussen nach innen und von innen nach aussen. So wie immer, aber mit einem Tempo wie zu dieser Zeit üblich. In der Mittagszeit ist die Menschenmühle wechselhafter. In beide Richtungen, nach aussen und nach innen. Obwohl sich das Menschenrad dreht, fließen sie zu beiden Seiten. Nicht wie üblich von oben nach unten, Fluss abwärts, abgewandt von der Lage – natürlich. Somit nicht getrieben von der Lage – unnatürlich, natürlich. Also hydraulisch, natürlich? Nein. Instinktiv – natürlich, könnte man meinen. Aber doch mit einer anderen Kraft, instinktiv hydraulisch, aber doch verschränkt. Also doch unnatürlich – natürlich.

Sie werden vereinzelt, aber doch verfügt, wie eine Fuge Steine verbindet zu einer Wand. Sie werden getrennt, aber doch vereint, wie Wolken sich verbinden, wenn sie sich begegnen und doch aneinander vorbei ziehen. Und erst die metereologischen Bedingungen, die wir stets, mehr und mehr, heute und auch morgen, versuchen zu beeinflussen, verfügen sie dann doch, dann und wann, zu einem großen Ganzen, zu schlechtem Wetter, zu Stürmen, zu Unwettern, natürlich – unnatürlich.

Und so wie Wolken, klein, groß, gezogen, gedrückt, hell, dunkel, weiß, blau, wattiert, versteinert, zeihen sie in unterschiedlichen Geschwindigkeiten umher, also auch in verschiedene Richtungen, ganz ohne direkte Schichtentrennung, auf gleicher Ebene, aber doch ganz oben oder auch ganz unten, oder eben in der Mitte, oder auch überall dazwischen. In alle Richtungen, nur eben auch nicht überall, die Dimensionen getrennt und neu vereint, von Vektoren geeint und beschränkt und geleitet. Aber doch so fürchterlich unstetig, unvorhersagbar. Regen, Wind, Sonne, Stürme, Unwetter. Alles Natürliche – unnatürlich.

Sie waren, sie sind und sie werden immer Menschen sein. So unterschiedlich unnatürlich – natürlich.

Und so wie immer der Fluss sich bewegte – bewog Man sie, dass sie sich bewog, sich in einem Moment, nicht vorher und auch danach nicht mehr, durch die Wolken zu bewegen. Vielleicht eine temporäre Annomalie, aber nur für mich zu diesem Zeitpunkt, an diesem Ort, in diesem Vektor. Diese außergewöhnliche Frau. In all den Wolken nahm keine andere Wolke Notiz von Ihr. So nahm ich an, denn ich bin keine Wolke. Und neben Ihr die gediegene ältere Dame. Nicht zu Besuch, aber dennoch temporär.

Gediegene ältere Damen sind wie überall. Sie sind eben etwas älter, das sieht man ihnen an. Bislang waren sie auch immer etwas kleiner, aber eben nicht dicklich, auch nicht schlank. Und auch gediegen gekleidet, anders als die anderen gediegenen Damen von hier, aber sehr selten. So natürlich – unnnatürlich – natürlich. Sie stand neben ihr, dieser außergewöhnlichen Frau. Sie war deutlich größer, wahrscheinlich sogar größer als ich. Das konnte ich nicht so einfach differenzieren, denn wir waren derzeit durch die Mühle getrennt. Ich war nur Momente zuvor innen und durchquerte die Mühle, eben gerade, natürlich ungerade, weil die Mühle eine Kurve beschreibt, diese Kurve die fast eine Gerade ist. Und gerade als ich die Kurve der Mühle, die eigentlich irgendwie wie eine Gerade ist durchquert hatte, so wie alle dort ab und an, musste ich mich umsehen. Ich musste mich umsehen. Nur das hatte dazu geführt, das ich sie sah. Sie alle beide. Die ältere Dame, deren Worte ich sah, gerichtet an diese außergewöhnliche Frau, so gediegen; und die außergewöhnliche Frau, stumm aber doch beteiligt. Eine Wolke von der anderen Seite der Welt. Aus Asien. Wolken aus Asien sind heutzutage nichts ungewöhliches, auch dort nicht. Diese aber schon.

Sie war groß gewachsen. Sie war dünn, aber nicht mager. Sie trug High Heels. Keine unanständigen, keine billigen, es waren gediegene High Heels, und sie waren Blau, unnatürlich – natürlich.

Und sie trug ein helles Kostüm. Nicht weiss, nicht creme, nicht beige, nicht Buisiness. Aber doch edel, sehr fein, nicht zu viel, aber doch außergewöhnlich viel. Und sie hatte unglaublich lange Haare, hell aber nicht weiss, nicht creme, nicht blond, kein Wasserstoff. Aber eben nicht asiatisch dunkel, sondern so hell, natürlich – unnatürlich. Das Gesicht war schmal, aber nicht ausgezerrt, nicht dick, nicht aufgebläht, also machte sie keinen Wind, natürlich – unnatürlich.

Sie stand einfach nur da. Keine Regung. Nicht mittendrin, aber auch nicht abseits. Nicht mit dabei, aber auch nicht unbeteiligt. Sie stand einfach nur da. Und neben ihr die gediegene alte Dame. Nicht mittendrin aber auch nicht abseits. Nicht mit dabei, aber auch nicht unbeteiligt. Sie stand einfach nur da. Und neben ihr diese außergewöhnliche Frau.

Und das außergewöhnlichste waren diese unglaublich langen Beine. Aus den blauen High Heels hervorrangend in den Himmel, in diesem hellen Kostüm wieder verschwindend. So blau wie der Himmel und doch nicht Blau. So durchzogen von weißen Wolken die doch nicht weiss waren. Wolkenmamor der weder Wolken noch Mamor war. Es waren ihre Beine. Nicht verdeckt, natürlich – unnatürlich. Diese Beine wie ich sie noch nie zu Gesicht bekommen hatte. Noch nie in meinem Leben. Nicht so. Überall, bei anderen und auch bei mir. Überall kann man es erleben. Aber nicht so.

So überaus, so überall, wie zerissene weisse Wolken am blauen Himmel. Sequenz an Sequenz und doch so unrythmisch, natürlich – unnatürlich.

Sie gehörten ihr, sie waren sie, sie waren in ihr. Sie nahm sie mit von wo sie kam, um sie dort hin zu bringen, wohin sie ging. Alles so außergewöhnlich, so sehr, das ich mich wieder wenden musste, meinen Blick erneut ihr zuwenden musste. Ihrer ganzen Erscheinung, im Kontrast zu ihrem Blau. Dieses Blau in all dem Glanze, wenn auch hier und da poliert, natürrlich – unnnatürlich.

Ich erblickte sie erneut. Ja, es hatte mich nicht getrübt, ich hatte mich nicht geirrt, ich hatte mich gerechtfertigter Weise erneut gedreht, nicht nur den Kopf. Nein, ich stand und hatte mich gedreht. Alle Aufmerksamkeit auf diesen Fokus gestellt. Maximaler Input. Deshalb auch dieses beeinduckende Blau dieser Frau in den Bildern dieser Zeit, nur eben jetzt gerade und für alle Zeit – so ungerade. Nur nicht für die Ewigkeit, denn auch das Blau dieser Frau ist vergänglich wie sie selbst. Wenn gleich es all diese Regelmäßigkeit zeigte, in Raum und in der Zeit, gerade jetzt von ehemals und auch noch Morgen. Stets erfrischend auffrischend. Und doch nicht aufhellend, obwohl all das Hell um all das Dunkel. All das weiss und all das Blau, und doch nicht weiss und doch nicht blau, und all das ungleichmäßig gleichmäßig, so scharf unscharf. Eben wolkig wie der Himmel, das Blau der Frau. Aber die Annomalie der gediegenen Dame war fort. Obwohl nur ein, vielleicht zwei Schritte vergangen waren, war sie fort. Diese außergewöhnliche Frau alleine, zwischen all dem anderen Hin und Her, so still und stumm, so ruhig in all diesem Sturm. Blickend, anwesend, so unnheimlich in den Himmel ragend. Aber ganz still, ruhig, unbewegt, in all dieser Hektik, unbeachtet, natürlich – unnatürlich.

Wieder wandte ich mich ab, ein vielleicht zwei Schritte. Aber es war wie ein Magnet der Sinne. Ich stoppte erneut, wandte mich um zur gläsernen Wand mit all ihren Mühlen, wo ich zuvor selber war, immer wieder, regelhaft regelmäßig, gerade eben noch, eben noch mittendrin gefugt, dann gemühlt und so getrennt, und trotzdem noch dabei aber nicht mittendrin. Unnatürlich fasziniert vom Blau dieser Frau. Aber nun war auch sie fort. Wie zuvor die gediegene ältere Dame. Nun auch das Blau dieser Frau. Nur noch Vektoren, Raum, Zeit.

Überall geschäftiges Treiben. Aussen wie innen. Innen mehr als außen. Ein steter Wechsel von aussen nach innen und von innen nach aussen. So wie immer, aber mit einem Tempo wie zu dieser Zeit üblich.

Und ich erinnere mich an das Blau der Frau, die dort stand bei der gediegenen älteren Dame, die als ersteres aus meinem Blick verschwand. Und dann diese außergewöhnliche Frau, das Blau der Frau, verschwunden hinter dem Horizont, so wie wo die Sonne ihr gleißendes Licht noch in die Welt schickt, das die Wolken oben so herrlich anstrahlt, das die Wolken oben so herrlich zum Erstrahlen bringt, aber die Wolken unten auch dunkel werden lässt, wie blau. Wie das Blau der Frau.

Dr. Thorsten Menke, Juni 2018, 08.07.2018, Wolkenmamor!